6. bis 8. November 2018
Plenarsaal Bonn
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Michael Jans

"Gute Arbeit" bei der NEW AG

Michael Jans

BR-Vorsitzender, NEW AG, Mönchengladbach

Zum Projekt:

Zunehmender Stress (psychische Fehlbeanspruchungen) in vielen Arbeitsbereichen, Unklarheiten in der Arbeitsorganisation, steigender Altersdurchschnitt – dagegen wollte der Konzernbetriebsrat (KBR) unbedingt etwas unternehmen. Die Themenschwerpunkte waren relativ schnell gefunden: Arbeitsbedingungen, Gesundheitsschutz und –vorsorge sowie Demografie.
Offen blieb jedoch die zentrale Frage:

„Wie kriegen wir das Thema gesetzt?“

Genau genommen war bereits die Themensetzung ein komplexes Vorhaben: Einerseits gibt es in der NEW Gruppe über 20 Einzelbetriebe mit einer Fülle von verschiedenen Arbeitstätigkeiten, es geht um die Arbeitsbedingungen von nahezu 2.000 Beschäftigten und möglichst viele der Kolleginnen und Kollegen sollten „mit ins Boot“ geholt werden. Denn „Ohne die Menschen geht es nicht und wird es realitätsfern.“.
Ein Thema im Betrieb zu setzen, das bedeutete auch, ein gemeinsames, möglichst gleichartiges Vorgehen mit den örtlichen Betriebsräten zu finden. Nur so wäre es möglich, Verbesserungen systematisch für alle durchzusetzen – das war gerade nach den Fusionen besonders wichtig.

Andererseits war mit der Themensetzung nicht allein verbunden, all dies unter einen Hut zu bringen. Zusätzlich sah sich die Interessenvertretung damit konfrontiert, dass zwei Mitarbeiter-Befragungen des Arbeitgebers im Abstand mehrerer Jahre zu dem Ergebnis kamen, dass die Kolleginnen und Kollegen „stabil zufrieden“ wären. Dies deckte sich überhaupt nicht mit den Erfahrungen und Beobachtungen der Betriebsräte! Auch all das, was ihnen in Gesprächen zu Ohren kam, sprach eher für das Gegenteil des arbeitgeberseitigen Befragungsergebnisses.

„Gute Arbeit“ – Gewerkschaftliche Zielsetzung und betriebliches Werkzeug. Der Weg zur Lösungsidee ergab sich über die Gewerkschaft. Eines der dortigen Gremien, in denen Betriebsräte zusammen mit anderen Vertrauensleuten/Betriebsräten des Konzerns aktiv sind, hatte sich in einer Tagung mit der ver.di-Initiative „Gute Arbeit“ intensiver beschäftigt. So ließen sich Arbeitsbedingungen zum betrieblichen Thema machen. Noch dazu aus Sicht der Beschäftigten – also aus Sicht derer, die die Arbeit tagtäglich verrichten. Gerade die ver.di-Wandzeitungen zur Arbeitsqualität entsprachen dem, wonach die NEWler gesucht hatten.

Es waren dann auch die Vertrauensleute (VL), die das Vorhaben in Kooperation mit dem KBR zügig vorantrieben. Keinen Monat nach der ver.di-Tagung wurde das Konzept in einer konzernweiten VL-Versammlung vorgestellt und alle waren sich ohne langwierige Abstimmungsprozesse einig:

Wir gehen den Weg der „Guten Arbeit“!

Gemeinsam mit einem unterstützenden Gewerkschaftssekretär entwickelten die Interessenvertreter eine Abfrage in Anlehnung an die ver.di-Wandzeitungen, die an alle Kolleginnen und Kollegen gehen würde. „Angestrebt hatten wir es so etwas wie ein erstes Stimmungsbild, überhaupt erst mal Belege für die keineswegs gute betriebliche Situation. Bekommen haben wir wesentlich mehr.“

Aussagekräftige Ergebnisse mit deutlichen Schwerpunkten. Beeindruckend war an den Ergebnissen selbst, wie deutlich diese Schwerpunkte sichtbar wurden. Natürlich differierten sie je nach den Arbeitsbereichen. Dennoch ließ sich für alle Beschäftigten erkennen: Fehlende Wertschätzung und mangelnde Unterstützung durch die Vorgesetzten war für die Meisten belastend. Zu den Hauptbelastungen gehörten außerdem mangelnde Information sowie ungenügende Arbeitsplanung und Zuständigkeiten, ferner Leistungs- und Termindruck. Gesundheitsschutz und -vorsorge war ebenfalls ein sehr wichtiges Thema. Gerade hierbei wurden dann aber die Unterschiede in den Einzelergebnissen je nach Arbeitstätigkeiten deutlich.

In einer Betriebsversammlung wurden die Ergebnisse allen Beschäftigten präsentiert. Einerseits gab es rege Beteiligung – da, wo es um die konkreten Arbeitsbedingungen ging. Andererseits war eine abwartende Haltung spürbar: Was passiert jetzt damit? Ändert sich tatsächlich etwas? Völlig verständlich: Mit dieser Art des Vorgehens war Neuland im Konzern betreten worden. Neuland war es auch für die Interessenvertretung. Nicht, dass etwa Arbeits- und Gesundheitsschutz bisher unbearbeitet gewesen wäre, so gibt es seit Jahren eine gut funktionierende Betriebsvereinbarung zum Betrieblichen Eingliederungsmanagement. Aber die Schlussfolgerungen aus den Abfrageergebnissen, vor allem die Gestaltung des weiteren Prozesses, das war nichts, was sich in einem Schnellschuss erledigen ließ.

Beschlossen und durchgeführt wurde eine extern moderierte 2-tägige Klausurtagung, die auch von ver.di beratend begleitet wurde. Neben dem KBR, den örtlichen Betriebsräten sowie den Jugend- und Auszubildendenvertretungen nahmen die Schwerbehinderten-Vertretung und die VL-Sprecher teil. Hierbei wurden aus den Abfrage-Ergebnissen Taten:

Das Projekt „Gute Arbeit“ wurde zur Chefsache erklärt, bei der Vorstand und KBR unverzüglich die Ergebnisse der Abfrage aktiv aufgreifen wollten. Beschlossen und umgesetzt wurden folgende Maßnahmen:

  • Für die „größten Sorgen der Belegschaft“ wurden Prozess-Workshops durchgeführt, in denen Beschäftigte mit externer Moderation ihre Arbeitsbedingungen analysieren konnten. Dabei wurden Arbeitsabläufe, Arbeitsumfang (quantitativ und qualitativ), die Qualität der für die Arbeit nötigen Informationen, die die Beschäftigten erhalten, sowie Führungskompetenzen behandelt. Die Workshops waren als „geschützter Raum“ konzipert, in dem möglichst viele zu Wort kommen und offen ihre Meinung sagen konnten.
  • Vergleichbare Workshops wurden auch für die Führungskräfte durchgeführt.
  • Es wurde ein ständiger Koordinationskreis eingerichtet, in dem der Konzernbetriebsrat und arbeitgeberseitige Vertreter wie u. a. die Fachkraft für Arbeitssicherheit Mitglieder sind. Dieser soll dem Fortschritt des Projekts „Gute Arbeit“ dienen und über die Sitzungen des Ausschusses für Arbeitssicherheit (ASA) hinausgehen.

In einer gemeinsamen Erklärung wurde betont: Die Umsetzung soll „direkt und spürbar“ sein. Dennoch müsse allen klar sein: „Alles auf einmal und überall“ kann nicht gehen. Angekündigt wurde eine „Schritt-für-Schritt-Abfolge“. So ging es dann auch weiter, und aus dem Projekt „Gute Arbeit in der NEW“ wurde langsam ein Unternehmensziel.

Zum Unternehmen:

Die NEW Gruppe ist ein (teilkommunaler) Konzern, der überwiegend im Bereich der Daseinsvorsorge tätig ist.

Im Einzelnen sind dies vor allem die Versorgung von Privat- und  Sondervertragskunden mit elektrischer Energie, Gas und Wasser und damit auch verbunden sind der Bau, der Betrieb und die Wartung der Versorgungsnetze.

Mit ca. 230 eigenen und weiteren angemieteten Bussen betreibt die NEW Gruppe den öffentlichen Personennahverkehr in Viersen und Mönchengladbach sowie im angrenzenden Umland. Weitere Aufgaben sind die Betriebsführung von sieben Hallen- und Freibädern sowie die städtische Abwasserentsorgung in Viersen und Mönchengladbach.

Seit neuestem betätigt sich die NEW Gruppe verstärkt mit Projekten im Bereich der regenerativen Energien, unter anderem mit Windkraft-, Biogas- und Photovoltaikanlagen.

Seit 2012 besteht die NEW Gruppe in ihrer jetzigen Form. In den Jahren zuvor, seit 1998 ist das Unternehmen stark gewachsen und setzt sich mittlerweile aus mehreren regionalen Versorgern  zusammen. Mit den Änderungen der Rahmenbedingungen durch den Gesetzgeber im Energiemarkt gab es zahlreiche erhebliche Einschnitte, die zu gesellschaftsrechtlichen und organisatorischen Veränderungen führten.
Die Gesellschaftsstruktur der NEW ist zweigeteilt: Während der Bereich ÖPNV, Bäder und Abwasser in rein kommunaler Hand ist, besteht an den Konzernbereichen der Strom-, Gas- und Wasserversorgung neben dem kommunalen Anteil eine ca. 40- prozentige Beteiligung der RWE Deutschland AG, Essen.

Vor Ort ist die NEW Gruppe ein bedeutender Arbeitgeber und Ausbildungsbetrieb und genießt einen sehr hohen Bekanntheitsgrad. Der NEW-Slogan „Wir kümmern uns“ ist inzwischen zum geflügelten Wort geworden.

Zur Person:

Michael Jans ist Betriebsratsvorsitzender des gemeinsamen Betriebsrates der NEW Gruppe sowie Konzernbetriebsratsvorsitzender NEW Kommunalholding GmbH.

Neben seiner Tätigkeit als Betriebsrat engagiert er sich als ehrenamtlicher Richter am Landesarbeitsgericht Düsseldorf.

Darüber hinaus ist Michael Jans Vorsitzender des Bezirksvorstandes Linker Niederrhein, Mitglied im Bezirksfachbereichsvorstand FB 11, der Landestarifkommission TV-N, im Landesbezirksfachbereichsvorstand Verkehr, des Landesfachausschuss TV-V FB 2 NRW und der Landesbezirksfachgruppe Straßenpersonenverkehr NRW der Ver.di.

Michael Jans ist zusätzlich Mitglied im Schlichtungsausschuss der IHK Mittlerer Niederrhein.

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